Liebes Tagebuch,

es gibt Begriffe, die haben sich im Leben bewährt. Husten und Schnupfen sind solche. Fast jeder kennt sie, weil er sie bereits schon einmal hatte. Und wenn er sie nicht hatte, wird er sie sicher noch kriegen und spätestens dann kennen. Der medizinische Fachjargon (äähhh!?) hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch nicht durchsetzen können.
Demgegenüber gibt es Termini, die müssen im medizinischen Deckmantel daherkommen, damit sie überhaupt gehört werden. Prokrastination ist so ein Wort. Früher nannte man das Faulheit. Aber in unserer leistungsbetonten Wegwerfgesellschaft, wo selbst der gewachsene Wortschatz wertlos wird, rangiert Faulheit natürlich ganz oben auf der Agenda der verbalen Elimination. Da macht sich die lateinische Wurzel gut, die stets eine ärztlich attestierte Not erahnen lässt.

Prokrastination also – wenn körperliches Gebrechen nicht offenbar wird, muss eben die Psyche herhalten. Denn psychische Probleme hat in unserer Gesellschaft jeder, vor allem, wenn man sie nicht hat. Und irgendein Kindheitsträumatachen lässt sich schon hervorkramen, wenn prokrastiniert wird. Zumal es dem Gegenüber auch viel angenehmer ist mitzuteilen, man leide unter Prokrastination – vor allem wenn dieser verständnisfrei das Wort zunächst unter dem Tisch mobil googeln muss. Wobei wir bei der nächsten Abart wären: Googeln. Vor drei Jahren hat man sich noch geschämt zu googeln. Inzwischen hat das Verb Eingang in den Duden und das Menschheitsgedächtnis gefunden. Aber was soll die Kritik, es ist ja lediglich der Effizienz zwecks Zeitersparnis geschuldet. Schließlich kann man in der Sekunde, die man spart, indem man nur googelt anstatt bei Google eingibt, schon linker Hand die Bankgeschäfte erledigen. Damit ist Google wohl eines der wenigen Unternehmen, das sich als Verb verewigt. Zwar putzen wir uns inzwischen mit Tempotaschentüchern die Nase oder verlangen nach einem Tempo. Und Frauen fragen einander hinter vorgehaltener Hand nach einem O.B. Aber wir tempoen uns eben nicht die Nase. Genauso wie wir uns auch nicht das Gesicht nivean. Nein, das hätte kein Niveau. Undenkbar ist es auch, dass wir in einem Gehirnsturm schnell und dreckig unsere Gedanken auf einer Klips-Aufstellung zum Besten geben.

Trotzdem werden es ganze Sätze künftig schwerer haben. Schon wundert es ein wenig, dass der Alltags-Klassiker „Schahatz, kannst du bitte noch den Müll raus bringen“ (so die freundliche Langversion) nicht schon dem zeitsparenden Shortcut „müllen gehen“ gewichen ist. Wie dem auch sei. Die Liste der sprachlichen Unmöglichkeiten ist lang und ließe sich sicher noch fortführen. Ich werde diesen Text jetzt aber vorzeitig abbrechen – ich leide unter dringender Urinitis…

© Alexandra Lau




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