Liebes Tagebuch,

Neulich geriet ich wieder an die Frage, ob Dinge, die wir nicht sehen können, auch nicht da sind. Wie so häufig verschob ich die Überlegungen dazu – ohne, dass die Frage deshalb nicht mehr da wäre. Was das Gegenteil betrifft, weiß ich mehr beizutragen: Gerne wünsche ich mir mitunter Dinge nicht mehr zu sehen, die da und sichtbar sind, (wie se sehn, sehnse jar nüscht). Den Textildiscount KIK zum Beispiel, wo das „Made by Kinderhand“ schon aus der Ladentüre quillt, Veronica Ferres, DIDL-Plüschanhänger oder Aubergine gefärbte Haare nebst Goldringimitat an jedem Finger der Hand. Auch will ich die stets suchenden und bedenklich findenden Dreier- und Viererpack-Casting-Juroren, die allesamt zu lange im Schleudergang des Weichspülprogramms gegluckert haben, von den wochenendlichen Bildschirmen verschwinden sehen.

Generell müssen wir ja ziemlich viel sehen in unserer Gesellschaft, die ich deswegen nicht unbedingt als weitsichtig bezeichnen will – das Ausrufezeichen ist stets zum Imperativ gezückt. Wir müssen gut aussehen; zusehen, dass wir hinne machen; Weitsicht haben und überall durchblicken; uns unbedingt mal wieder sehen; Börsenkurs und das Wetter genau vorhersehen – das verheißt nicht unbedingt Gemach und Gemütlichkeit. Aber das sind ja auch Zustände aus den späten 50er Jahren, die man sich mit allzu viel Muff unter den Talaren und Salzstangen auf dem Nierentisch verspießte. Wie dem auch sei – man kann es so oder so sehen, es wird nicht ersichtlich, ob es gut ist; ob die Dinge, die wir sehen besser sind als die Dinge, die wird nicht sehen, die aber vielleicht trotzdem da sind – so sieht’s aus!

22. Juni 2009




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