Seit einer ganzen Weile bin ich auf der Suche nach dem Sinn der 2006 als Sicherheitsvorkehrung eingeführten Plastikbeutel: Seither müssen alle Flüssigkeiten, Aerosole und Gele (mit der schönen Abkürzung LAG) in einen durchsichtigen, wieder verschließbaren Plastikbeutel mit einem Volumen von einem Liter passen – wobei der Beutelinhalt „bequem in den vollständig geschlossenen Plastikbeutel passen muss“. Also keine Exesse à la Mallorca-Teller, sondern Kosmetik-Komfort. Das Verschließen einfacher Plastikbeutel mit Hilfsmitteln (etwa Gummiband) ist übrigens offiziell nicht gestattet. Pro Fluggast ist nur ein Beutel zulässig. In der Regel dürfen maximal 100 Milliliter pro Packung oder Gefäß mitgeführt werden. Häufig und gerne kostet das Tütchen um die 50 Cent und kann an Flughäfen erworben werden.

Die Tüte stand allerdings schon auf der Kippe. Doch die EU-Verordnung Nr. 185/2010 vom 4. März 2010 stellt klar: Alles unter 100 Mililiter gehört weiterhin in den Beutel, überflüssige Flüssigkeiten darüber in die Tonne (Oder man macht es wie die Russen und trinkt die ganze Flasche Vodka vor dem Check auf Ex. Wirklich Gefährliches wurde bislang in der Tonne übrigens nicht entdeckt, die Flüssigkeiten werden ungeprüft weggeworfen – ich finde dann könnte man sie auch bei Schlecker als besonders bombiges Sonderangebot verkaufen). Nur duty free-gekaufte Flüssigkeiten (> als 100 ml) dürfen weiterhin mit an Bord, sofern sie in „manipulationssichere Tragetaschen mit sichtbarem Kaufnachweis verschweißt sind“. Über die Flugsicherheitsbeutelsicherheitsmaßnahmenverlängerung dürfte sich vor allem der Plastikbeutelhersteller Flexiko freuen, der u.a. brillant klarsichtige Flugbeutel aus 75 µ Cast-PP-Folie mit Original Topmatic® Schieber zum Wiederverschließen anbietet.

Also alles beim Alten. Auch meine Frage: Wozu die Beutel? Erstens: Es ist nicht anzunehmen, dass die 50Cent-Plastik eine Sprengstoffdetonation aus einer falsch deklarierten, terroristisch motivierten Hämoridensalbe verhindern wird. Zweitens: Lässt sich jemand, der den Wunsch hegt, ein Flugzeug liquide in die Luft zu sprengen, von der 100 Milliliter-Grenze abbringen?

Auf der Suche nach einer Antwort landete ich beim FAQ des Flughafen Münchens: Warum müssen Flüssigkeiten fortan in einem Plastikbeutel transportiert werden? Antwort: „Dieses Verfahren wurde aus Gründen der Praktikabilität gewählt, um die Anzahl der an Bord mitgeführten Behältnisse zu limitieren. Durch diese Lösung konnte ein komplettes Flüssigkeitsverbot vermieden werden.“ Aha. Klingt aber auch nur bedingt sicher. Unsicherheit ist ohnehin ein großes Thema bei der Sicherheitssache: Bei der Einführung im Jahr 2006 war man noch davon ausgegangen, dass moderne Kontrollmaschinen die Unterscheidung von Flüssigsprengstoff von Getränken oder Cremes ermöglichen könnten. Konnten und können sie wohl aber nicht. Sollen sie demnächst wohl aber können. In der EU-Verordnung zur Festlegung von detaillierten Maßnahmen für die Durchführung der gemeinsamen Grundstandards in der Luftsicherheit von 2010 heißt es dazu: „Die Methoden und Technologien zum Aufspüren flüssiger Sprengstoffe werden sich im Lauf der Zeit weiterentwickeln.“ (So ganz von allein?) Ab 2012 sollen die Liquid-Scanner dann die Flüssigkeiten unter die Lupe nehmen und gute von bösen unterscheiden können. Bis dahin müssen wir wohl weiterhin mit potentiell terroristischen Tuben und Tigeln im Flieger sitzen.

So ganz habe ich das Ganze noch immer nicht verstanden. Aber etwas Gutes haben die Beutel dann doch: Mascara&Co verschwinden nicht einzeln in den Tiefen der Damentasche, sondern als Ganzes in der Tüte und sind besser zu greifen. Eventuell auslaufende Feuchtigkeitscremes werden geblockt und ruinieren nicht das Lederinnere. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wird die Flexiko -Topmatic® dann auch bald als Clutch auf dem roten Teppich in einer Hollywood-Hand gehalten werden.




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