München im Winter 2012: Ja wo sind sie denn, die Münchner Menschen mit dem „Leck“ im Wesen: GeLECKtes Haar, LECK-mich-am-Arsch-Attitüde, gebLECKte und gebleachte Zähne beim filmreifen Lächeln. Ich habe auf der Maximilianstraße gesucht, bin die Kaufinger auf- und abgelaufen, habe in Bogenhausen jede Ecke abgesucht. Vielleicht liegt es am Wetter. Zu kalt. Vielleicht halten die Barbour-Jacken und Burberry-Schals, die Ledersohlen der maßgeschneiderten Büffelleder-Slipper nicht warm, gefriert das Gel im Haar. Vermutlich sitzt man lieber in der warmen 400-Quadratmeter-Wohnung vor dem Kamin.

Man denke sich in diesem Zusammenhang folgende Szene, die sich zwischen einer zweiköpfigen Münchner Länderfinanzausgleichhauptanteilerwerbsfamilie abspielt: Der spärlich möblierte Raum ist mollig warm, das Bücherregal zeigt ausschließlich weiße Buchrücken, die extra dafür angefertigt wurden – das hat man sich, wer hätte es gedacht, von den Sau-Preißn abgeschaut. Das Porsche-Design-Soundsystem gibt in gedimmter Atmosphäre Vivaldi zum Besten. Ab und zu poppt von kurzem Singsang begleitet eine Erinnerung im Blackberry hoch. Geredet wird nicht.
ER: Sein linker Arm hängt lässig über der weißen Ledercouch, mit den Fingerspitzen umschmeichelt er den hauchdünnen Champagnerkelch, in dem noch ein Rest Moet perlt. Man ist noch bei der ersten Magnum-Flasche. Auf seinem rechten Bein hat es sich die Fokus Money gemütlich gemacht. Zu seinen Füßen liegt der Weimaraner, dessen glänzendes Fell mit dem greigefarbenen Angorateppich verschmilzt, während er taktvoll mit dem Schwanz auf den Boden klopft. Daneben sitzt SIE mit ihren 17cm-Stilettos und blickt abwechselnd auf ihre auberginefarben gelackten Finger – die man keinesfalls als Tussinägel bezeichnen kann – und ins Kaminfeuer. Was sie wohl denken mag? Ihr Mann fragt sich jedenfalls gerade, ob er in eine weitere Berlin-Immobilie investieren soll, bevor der Markt endgültig übersättigt ist.

Szenenwechsel zur Schlafenszeit: ER löst sich Don Draper-mäßig den Kravattenknoten, leicht benommen vom Moet und dem 18-Stundentag in einer gehobenen Stellung eines gehobenen Unternehmens, das auf dem Weltmarkt viel Aufhebens macht. Indem er die Brust leicht nach vorne streckt, windet er sich elegant aus dem blassblauen Hemd, dessen Marke hier nichts zur Sache tut. Die Manschettenknöpfe lässt er mit einem sanften Doppelklacken in die strahlend geputzte Silberschale auf dem Nachtisch fallen. Daraufhin betritt er den 60-Quadratmeter großen begehbaren Kleiderschrank und hängt das Hemd an die Kleiderstange zur Linken – dann weiß die Putzfrau, dass es zur Reinigung und der Kragen gestärkt werden muss. SIE liegt inzwischen schon im chipmunkfarbenen Neglige unter der Satinbettdecke und pflückt sich die Perlenohrringe aus den Ohren, wobei ihr das goldblonde Haar sanft auf die gebräunte und makellose Schulter fällt. Zuvor hat sie sich die Füße mit Shiseido-Calm-Down-Fußcreme eingerieben, um Schrunden vorzubeugen und überlegt, ob der Mang neben der Nase nicht auch den großen Zeh verkleinern könnte – mit Schuhgröße 42 schrammt SIE bretterhart am Münchner Pedes-Dresscode vorbei, der 39 vorsieht. Beim nächsten Hole-in-One auf dem grünen Rasen wird sie sich den Mang mal beiseite nehmen, hat sie gedacht.
Beide löschen nun gleichzeitig das Licht, sagen sich nicht „Gute Nacht, Liebling“ und drehen sich synchron zur Seite. Cut.

Vielleicht sind das auch nur die geistarmen Gedanken einer klischeetrunkenen Berlinerin, die absolut keine Ahnung hat. Womöglich sind die Zimmer nämlich dunkel, leer und kalt – weil die beiden wie jedes Jahr den Winter im warmen Valldemossa verbringen. So wird’s sein.




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