Eine Fahrt in der DB*

Scheiße. Also doch: Man hatte gehofft, sie würden zwischen Bahnsteig und Zug hängen bleiben. Das Grüppchen vollgetrunkener Junggesellenabschiedfeiermännern stolpert in die DB. Sie haben bereits die Promillegrenze überschritten, wo der Mensch zum Tier wird. Sie hupen, sie grölen, sie torkeln. Man kann vor ihnen das Abteil wechseln, aber sie sind überall – sie diffundieren durch die DB.

Wechsel in ein Fahrradabteil: Ein verwaister Kinderwagen fällt ins Auge, darin träumt ein schlafendes Mädchen mit langen Wimpern. Daneben eine vierköpfige japanische Familie. Nebenan amüsiert sich ein ganzes Abteil voll Japaner, die sich gegenseitig Sushi aus der Tupperbox reichen. Auch der japanische Sohn Nr. I aus Abteil I hat eine Tupper mit gefühlten 40 Sushirollen auf dem Schoß, die er nach und nach in den Mund schiebt. Dabei pickt er sich zuerst immer das Sushi-Innere heraus. Nach einer Weile fällt die Box zu Boden und Sushirollen rollen auf den DB-Boden. Schnell ist das Malheur von den Eltern behoben. Kurze Zeit später taucht der Kinderwagen-Besitzer und offensichtlicher Kindsvater auf. Seine Körpermitte ist kugelförmig, der Reißverschluss seiner Hose offen – unangenehm offen, zum besser weg- aber instinktiv hinkucken offen. Wenig später kommt Töchterchen Nummer II die DB-Treppe hinunter, auch ihr Hosenstall ist offen. In kurzem Abstand folgt Tochter Nummer III. Beide haben rote Wangen und lockerflockig gebundene Zöpfe. Sie setzen sich neben den kleinen Japaner, der inzwischen laut lesen lernen muss. Die Mama korrigiert konzentriert. Daneben liest Papa laut und im immer selben Takt aus dem Johannes Evangelium. Bruder Nr. II, der bislang versteckt im Baggi steckt, packt eine Tüte Harribo aus. Die beiden Wimpermädchenschwestern kucken mit großen, auch-haben-wollen Augen auf die bunten Bärchen. Unirritiert stopft der kleine Japaner die Harriboviecher weiter in den Mund – von Abgeben keine Spur. Ein allgemeines hungriges Schweigen macht sich breit im Abteil. Nur der japanische Papa liest unentwegt weiter vor sich hin, seine Stimme tönt wie ein Mantra durchs Abteil. Zwischendurch vergisst Sohn Nr. I mal kurz die asiatische Zurückhaltung und zurrt ungestüm am DB-Kinderwagenanschnallgurt, der hin und her schnappt. Man ahnt Blut.

Auf einmal steht der Junggesellenabschiedfeier-Bräutigam in spe im Abteil. Um seinen Hals baumelt eine deckellose Bierdose für die Promillekollekte. Er hält einem eine Tupper mit eingelegten Lachshäppchen vor die Nase, für die er Geld will. Nein, danke. Und nochmal: Nein. Nein wirklich nicht.Er kuckt traurig aus seinen braunen, alkoholgeschwängerten Augen. Hilft nix. Neben ihm steht ein Häschen in knallpinker Flokatihosenträgerhose. Sie findet alles sehr lustig. Man hat sich wohl am Morgen kennengelernt und feiert nun gemeinsam den Abschied aus dem echten Leben. Hinter ihr trötet es zustimmend, dann ziehen alle weiter. Auch aus dem japanischen Abteil lärmt es stärker, man macht Handshakes und wuschelt sich gegenseitig in den Haaren. Söhnchen Nr. I kaut am Fahrplan und spukt eingespeichelte Stationen auf den graublauen DB-Boden. Plötzlich schwillt das Junggesellengetöse im hinteren DB-Trakt wieder an, man hat sich zur Polonaise formiert und tourt durchs Abteil.“…Jetzt gehts los…mit ganz großen Schritten…fasst der Erwin der Gabi von hinten an die …(stilistische Pause) Schulter…“ Es tobt in der DB. Draußen geht die Sonne unter. Die DB macht nun 25 Minuten planmäßig Halt. Normal. Viele steigen aus. Der pinke Flokatihase telefoniert von Bahnsteig I mal eben rüber nach Gleis II, wo die neuen, dunkel-blauen Freunde singen, hupen und offentsichtlich nicht wissen, was sie tun.

Wieder im Abteil: Eine Familie – Vater, Mutter, Kind – ist hinzugestiegen. Sie besetzen die japanischen Plätze. Ein allgemeines Umsetzen in der DB. Weitere neue DB-Gäste sind zwei jungsche Typen vom Typ „Viel Lärm und nichts“ – der eine klein, der andere groß, zu allem Überfluss auch noch mit Hut. Man klinkt sich passiv in die Unterhaltung der beiden ein, die eher ein Monolog des Kleinen ist:… letztes Jahr Singapur sei geil gewesen – auch schon mal dagewesen? Ach, mit Rucksack – cool! Dieses Jahr gehe es nach Australien, dann mal wieder Thailand, wenn man nach den drei Monaten Madrid wieder nach Berlin zurückkehre, wo man endlich eine richtig geile und günstige Dachwohnung gemietet habe, Connections über Freundesfreunde- ob man noch mit Freundesfreund Soundso Kontakt habe?….Das eigene Gehirn signalisiert einen defizitären Informationsinput und schaltet ab. Man widmet seine Aufmerksamkeit nun Vater, Mutter, Kind, die ins Stadt, Land, Fluss-Spiel vertieft sind. A…Stop! Buchstabe S. Man denkt und schreibt heftig aufs Papier. Als Namen mit S ruft die Mutter laut ‚Sindy‘ ins Abteil. Sindy mit S!?(Kind ungläubig). Mutter: Na so wie Sindy und Roma.
Endstation Berlin.

* Deutsche Bahn




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