Liebes Tagebuch,

Es weihnachtet sehr. Das haben wir erstmals Anfang September gespürt, als der Weihnachtsmann in den Supermarktregalen neben den letzten Schmuntzelhasen Platz nahm und die Klimaanlage hochtourige Mühe hatte, die Standhaftigkeit der Männer in Zellophanpapier zu garantieren.

Jetzt ist’s Dezember und man motzt, dass der Frühling nicht in die Puschen kommt. In der Stadt sprießen die prekären Weihnachtsmärkte aus dem Asphalt und erinnern uns daran, wo wir in den nächsten Wochen einen großen Bogen drum machen sollten. Auch sonst blitzt, blinkt und brummt es wieder epileptisch an den Fenstern, während dahinter auf den Bildschirmen der Blockbuster boomt.

Und überall beginnt die Wham-Last-X-Mas-Endlosschleife und der temporäre Weihnachtsplunder wuchert und mahnt uns, wie fleißig man den Sommer über wieder im Schwellen- und Entwicklungsland war, während hierzulande an den Börsen und sowieso mal wieder alles den Bach herunter ging. Und dann blicken auch noch große braune NGO-Plakat-Kinderaugen traurig auf uns herab.

Wo auch immer wir gerade sind – ob in glühweingeschwängerter Luft draußen oder bei heizungstrockener drinnen – bezirpsen uns die Weihnachts-Sirenen, dass sie wüssten, was wir bräuchten, um glücklich zu sein und dass wir dazu einiges mehr bräuchten als wir dächten und dass es sich dabei in erster Linie um das selbe aus dem Vorjahr handele, nur eben der Nachfolger davon.

Aber am schönsten ist doch noch immer das Berliner Vorweihnachtsgesicht, dass irgendwann zwischen Nikolaus, dem dritten verkaufsoffenen Sonntag und einer Weihnachtsfeier zuviel entgleist- und dann mit einsetzender Kälte und nahendem Feste vereist ist und hinter dessen X-Mas-Lifting sich ein Schwall unchristlicher Worte stapelt, die sich möglicherweise entladen, nachdem man sich auf der Suche nach einem Weihnachts-Update den Weg durch den prekären Weihnachtsmarkt gebahnt hat, die Kaufhauskassenschlange nur gemütlich schrumpft und einem wartend die goldfarbene Sternenpapiergeschenke-Rolle von vorne wiederholt in den leeren Magen stupst, während hinter einem das Handy einen Jamba-Sparabo-Hit anstimmt: Last Christmas, I gave you my heart, but…

29. November 2009




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