Liebes Tagebuch,

wenn reihenweise Mädchenträume wie Seifenblasen zerplatzen, dann ist meistens donnerstags. Denn an diesem Wochentag ist gegen 22 Uhr an den meisten Tagen im Jahr bei ProSieben Entscheidungstag. Dann rollen bei Deutschlands beliebtesten Cloning-Shows GNTM (Germanys next Topmodel, unter uns: „Schminckischmincki“) oder Popstars die Köpfe. Wenn die Jury im Rotationsverfahren und mit funebrem Blicke ihren Abgesang vorträgt, weiß man: Einen hat es wieder erwischt, wieder ein Leben am Ende, wieder Tränen, wieder zurück in die Schule. Es ist der ewige Zyklus aus Abschied, Trauer, Verderben und Fortgang. Man mag nun über diese Sendungen denken, was man will. Fakt ist, dass man über sie Bescheid weiß. Denn auch wenn man sie nicht sieht, was die wenigstens tun, ist der Rest im Bilde und bildet dir eine Meinung.

Und weil das so ist, habe auch ich den Donnerstag zum Entscheidungstag gemacht. An diesem Tag entscheide ich, wer und was aus meinem Leben fliegt. Neulich hat es bereits die abgelaufenen Trocken-Knödel aus der Vorweihnachtszeit und eine handvoll Tintenkiller aus der Schulzeit erwischt. Auch ein paar Arbeitsbögen aus dem Biologieunterricht der sechsten Klasse habe ich zu Schmierpapier gemacht. Und nicht zuletzt sind auch die Micky-Maus-Quiz- und Sammelkarten in den Müll gewandert und mit ihnen die schöne Zeit der kindlichen Unwissenheit. Aber dafür machen all diese verworfenen Erinnerungen Platz für Dinge, die ich in ein paar Monaten wegentscheiden werde.

Neulich war mein Freund* dran. Ich habe es mir nicht leicht gemacht mit der Entscheidung. Habe vorab sein Passfoto betrachtet, links auf ein Blatt seine guten Eigenschaften notiert, rechts die weniger guten, habe einen Kreidekreis auf die Dielen gemalt, worin er sich zu platzieren hatte und ihm die Liste mit undurchsichtigem Blick vorgetragen. Aber rechts war nun einfach länger. Er hat kein Bild bekommen. Geweint hat er nicht, dazu fehlte ihm wohl das Starpotenzial. Letzten Donnerstag habe ich dann entschieden, dass der nächste Donnerstag kein Entscheidungstag mehr sein wird. Ich kann mein Geflenne einfach nicht mehr ertragen.

*auf mehrfache Nachfrage: künstlerische Freiheit…

16. Mai 2009




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