Und mit dem Fahrrad nicht in den ersten Wagen!

Berlin bringt die urbanen Höhen und Tiefen auf den Punkt – eine Tour zu den Hotspots der Stadt nebst ihren Berliner (Be-)Sonderheiten

Und es geht los…

…in der Mitte…

Die Hauptstadtmitte ist Hort der selbsternannten Berliner Avantgarde mit digitalem Hintergrund und Hang zur Selbstübersteigerung („Wir nennen es Arbeit“). Deswegen will der Bezirk auch Scheitelpunkt des sozialen Gefälles sein. Trotzdem marschieren nach wie vor täglich um 20 Uhr die Nutten in Lack und Leder Richtung Oranienburger Straße.
Der Bezirk steht Pate für die länderübergreifend populäre Mittefrise – Stirngardine für den (auch hier aus der Retorte geschaffenen) Mitteboy, die gerne bis unter die Augenringe getragen wird. Wer die Frise zelebriert, zuppelt sich die Diagonale nicht hinters Ohr, sondern bedeckt damit die obere Gesichtshälfte, wenn diese nicht ohnehin schon hinter der Wayfarer verschwunden ist.
Und nicht zuletzt: Als Wiege der Latte-Macchiato-Kultur ist hier häufig auch die Pappvariante in Form des Kaffee Togo (nein, keine spezielle afrikanische Röstmischung) unterwegs. Heiß geliebt wird auch der Chai, ein Sprössling der bekannten Latte-Familie, an dem gern auch in Prenzlauerberg gesippt wird.

    Gediegene Gelassenheit,
    fehlende Geborgenheit
    Und ein Schuss Adrenalin
    Wissen wie der Hase läuft
    Willkommen in Berlin!

…weiter nach Prenzlauer Berg…

Der Stadtteil beheimatet die Protagonisten des gepflegten Lifestyle, die sich als Multiplikatoren der guten Laune verstehen. Hier wohnt und wirkt der Frühstücker (häufig auch Picknicker), der die gleichnamige Mahlzeit bis in die Abendstunden zelebriert – gerne draußen und zu kühler Jahreszeit, weshalb der Bezirk auch zu den Favoriten im Berlin-internen Heizpilzwettbewerb zählt. Gleiches gilt für das Bugaboo(das ist ein Kinderwagen)-Geschiebe, wodurch nicht zuletzt die bundesdeutsche Hoffnung für das umlagenfinanzierte Rentensystems auf diesem Stadtteil ruht.
Ungern als Schwabenmagnet bezeichnet ist Prenzlauer Berg gerne der Catwalk der Berliner High-Fashion, weswegen hier gewettet und gesettet wird, was das Zeug hält, damit man auch ja keinen Trend verpennt. Dank dieser Bemühungen ist etwa die Röhre und Bowlingtasche auch für den Heteromann salonfähig geworden. Infolgedessen hat sich eine breite Front styleverknallter Kleptomanen gebildet, die sich gegenseitig die (Mode-)Schau stehlen. Wiederum infolgedessen ist die P-Berg-Uniform entstanden, eine gefährliche Mixtur der modischen Orgasmen der 1980er und 1990er Jahre, die hier nun nach der Jahrtausendwende erneut ihren Höhepunkt erlebt – wen wunderts dann noch, dass für Omis Mode in den Secondhand-Läden tiefer in die Riesentasche gegriffen wird als für den Escada-Fummel. Glücklich ist, wer dann noch ein gebrauchtes Klapprad findet, mit dem er entlang der beheizten Cafes flanieren kann…


… Zwischenstation in Kreuzberg…

Die einstige Brutstätte des zivilen Ungehorsams hat in den letzten Jahren eine große Anhängerschaft des ganzheitlichen Lebensstils hervorgebracht. Das fing mit dem schlichten Wunsch nach Bio und den Grünen an, manifestierte sich auf der Yoga-Matte und kulminiert im ayurvedischen Glaubensbekenntnis. Die klassischen Vertreter der Jutebeutelfraktion sind inzwischen rar geworden, der moderne Öko versteckt sich hinter allerlei Schick – Revolution wird heute getwittert. Gleichwohl war man hier furchtbar aufgeregt als McDonald’s seine
Pforten im beschaulichen Wrangel-Kiez öffnete, bedeutete das doch künftig fettige Fritten statt taffen Tofu für den Kreuzburger. Ohweh. Globalisierung nun auch hier. Ansonsten ist das Radaupotential irgendwo um den 61er-Bergmannkiez verpufft und blitzt nur noch hier und da zwischen Görli und Kotti in 36 auf.
Großgeschrieben im gesamten Kiez wurde zuletzt der Monat Mai: Molotow-Cocktails zum ersten und Caipirinia nebst Samba am Karneval zu guter Letzt – was ist schlimmer fragt man sich mitunter. Und während wir uns für die Weiterfahrt rüsten, rollt schon der nächste Reisebus in den Chamisso-Kiez ein und lauter faltige Münder werden staunend rund, weil man Kreuzberg doch sonst nur brennend aus dem TV kennt.

    Satellitenschüsseln salutieren
    Ihren treuen Betoneinsassen,
    Die im sauren Großstadtgewühl
    Bisweilen ihre Freundlichkeit lassen

…Ausflug nach Zehlendorf…

Die grüne Linie endet im Grünen: Willkommen in Zehlendorf! Hier gedeiht und springbrunnt es, O2 in delikater Menge, man klappt die Polokrägen hoch und drapiert sich locker den Tommy-Hilfiger-Pulli um die Schultern, wenn man mit dem Geländewagen Brötchen holen fährt. Auf der Rückscheibe pappt ein großer Aufkleber „Eure Armut kotzt uns an“, den man während des achtwöchigen Urlaubs im verschneiten St. Moritz, leicht angeschäkert vom Veuve Clicquot, im Souvenirshop erworben hat. Aber die Idylle kennt auch Schattenseiten. Im Sommer 2010 versetzte eine Meldung des Bezirksamts die Zehlendorfer in Angst und Schrecken: Eichenprozessionsspinner – Raupe löst Gesundheitswarnung für Zehlendorfer Straßen nahe der Waldrandlagen aus. Es sollte großer Abstand zu Raupen und Gespinstnestern gehalten werden! Soweit das Klischee, der Rest ist ok…

    Und zwischen den Straßenschluchten,
    Inmitten der Fahrzeugschlitten
    Holen dünnbeinige Nasen Kleber hervor,
    Um gebrochene Herzen zu kitten
    Und wenn der Anzugträger
    Im Wedding die Zeche prellt
    Ist das noch lange kein Zeichen,
    Dass der Hund ohne Maulkorb bellt



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