Neulich bei Netto in der Schlange an der Kasse. Kassiererin A zieht gemächlich die Ware übers Band. Der Barcodescanner fiept im Akkord. Das Handy von Kunde G stimmt einen Jamba-Spar-Abo-Hit an. Auch das von Kunde F bimmelt gemächlich polyphon. Hallo – nein, man sei gerade nicht online, man befinde sich bei Netto an der Kasse. Nein, das I-Phone sei doch kaputt, nachdem es beim Baden zuviel Wasser abbekommen hätte. Bis das neue da sei, müsse man mit dem Viert-Handy auskommen. Nein, der Mittags-Flieger sei bereits voll gewesen, man überlege nun, mit einem Leihwagen herunter zu kommen – spätestens am Nachmittag sei man da. Man freue sich. Gespräch beendet. Die befreundeten Kunden H und I diskutieren über die neue Sortierung des Warensortiments – nun fände man ja gar nichts mehr und die räumliche Trennung von Bio- und konventionellem Angebot sei auch nicht wirklich konsistent durchgehalten.
Plötzlicher Tumult an der Kasse: Kunde B hat vergessen den Trennklotz, für den das Deutsche noch keinen Namen kennt, zwischen die eigene Ware und der von Kunde A zu legen. Kassiererin A sieht die kleine Waren-Lücke nicht und scannt die Gürkchen von Kunde B, die nun auf dem Bon von Kunde A erscheinen. Kunde A brüllt. Storno im Netto.

Kassiererin A blickt optimal genervt erst zu Kunde B, dann schweift ihr maskaraschwerer Blick in die Ferne zu Kassiererin B, die nirgendwo sichtbar im hinteren Trakt die Tiefkühlgarnitur aktualisiert. Kassiererin A drückt den Kassiererin B-komm-sofort-zu-mir-Klingelknopf. Zwei Mal. Kassiererin B hört nicht oder will zunächst die angebrochene Palette fertig machen. Erneutes Drücken. Die Schlange ist inzwischen bis hin zu den Gummitierchen angewachsen. Kunde E hinter mir stößt einen doppelkorngeschwängerten Seufzer aus. Kunde C singt den Immer-an-der-falschen-Kasse-Blues. Kassiererin B hat nun die Kasse erreicht. Du, Frau Schulze – Kassiererin A schildert Kassiererin B die Lage. Kassiererin B blickt mit gestrengem Filialleiterinnen A-Blick auf Kunde B und Kassiererin A, steckt dann den Stornoschlüssel in die Kasse. Die fehlerhaften Gürkchen werden weggebongt, der Schlangenstau behoben. Kunde B hat nun endlich seine Gurken, Kunde C zahlt.

Dann bin ich an der Reihe. Auf der Kassenbon-Rolle erscheinen rote Striche. Papier ist aus. Eine neue Kasse-Rolle muss her. Die lagern drüben bei Kasse B. Kassiererin A macht sich auf den Weg von Kasse A zu Kasse B. Kunde G stimmt nun in den Falsche-Schlangen-Blues ein. Doppelkorn-Kunde E macht die Abwesenheit von Kassiererin A zur Gelegenheit, um seine Flachmänner vom Band zu nehmen und aus dem Laden zu stürzen. Kassiererin A schreit rüber zu Sicherheitsmann A an Kasse C. Der beginnt ebenfalls zu rennen. Kunde F schimpf, dass er die Verfolgung nicht sehen könne. Die Freundschafts-Kunden H und I wechseln das Gesprächsthema – das Niveau in Discountern sei seit der Wirtschaftskrise weiter gesunken. Ob Kunde H übrigens aufgefallen sei, das Netto die Plus-Preise hier und da kräftig erhöht habe!? Das sei ihm auch aufgefallen, wirft Kunde J ein. Übereinstimmend vermisst man große Teile des Plus-Sortiments.

Inzwischen ist Sicherheitsmann A wieder mit Kunde E im Laden eingetroffen. Er ruft Kassiererin B, die irgendwo im mittleren Trakt zwischen Cerealien und Convenience-Produkt Dienst macht und nicht hört. Kassiererin B, die inzwischen mit einigen Bon-Rollen von Kasse B wieder in Kasse A Platz genommen hat und die Rolle einfädelt, drückt erneut den Kassiererin-Komm-Klingelknopf. Die Schlange hat die netto-eigene Kosmetiklinie erreicht. Kassiererin B eilt nach dem zweiten Surren herbei, die Hände voller Blumenkohlköpfe. Du, Frau Schulze – Sicherheitsmann A erklärt die Situation, den Kunden E nebst zweifachem Doppelkorn fest im Griff. Kassiererin B lädt ihre Kohlköpfe ab und verschwindet mit Kunde E und Sicherheitsmann A im hinteren Trakt. 7,40 Euro ranzt mich Kassiererin B an. Ich zahle. Derweil rutscht Kunde K, der weit hinten in der Schlange noch keinen Platz auf dem Waren-Laufband reserviert hat, die Milch aus seinem hoch gestapelten Waren-Turm und zerplatzt am Boden. Kunde J schreit auf – lauter Milch auf den weißen Socken in Sandalen. Auch der Flokati-Klodeckelbezug aus dem Sonderposten-Sortiment von Kunde L hat etwas abgekommen. Kassiererin C, die in der Nähe sortiert, eilt in den hinteren Trakt – vermutlich auf der Suche nach dem Wischmob. Ich verlasse die Filiale. Draußen fällt mir ein, dass ich die Milch vergessen habe. Storno.

30. August 2009




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