Es begann mit einem Zufall.

Brasilien, Goiana, 1987: In einer verlassenen Klinik entdecken die beiden Brasilianer Wagner Mota und Roberto Santos Alves ein klobiges Gerät, ummantelt von Metall. Daraus lässt sich Geld machen, freuen sie sich. Mit einer Schubkarre transportieren die beiden das schwere Gerät auf einen Hinterhof, um es hier in seine wertvollen Bestandteile zu zerlegen. Was sie nicht wissen: Es handelt sich um ein ausgedientes Strahlentherapiegerät zur Behandlung von Krebskranken. Weil sie nicht in der Lage sind, das Gerät vollends zu demontieren, verkaufen die beiden Jungen das mehrere hundert Kilo schwere Altmetall dem Schrotthändler Devair Alves Ferreira.

Und dem erscheint nicht nur das Metall wertvoll, sondern auch das blaue Leuchten, das einer kleinen Kapsel im Innern entweicht – es kommt von dem Pulver. Begeistert zeigt Devair es seiner Frau Maria Gabriela. Sie zerreiben das Pulver auf der Hand, das zu feinem Puder wird – und immer wieder dieses Leuchten. Am nächsten Abend laden sie Freunde ein, auch sie sollen den Fund zu sehen bekommen. Weil es so gut haftet, reiben sie sich das magische Blau an die Wangen, an die Arme, einer malt sich damit ein Kreuz auf die Brust.
An diesem Abend beschließt Devair seiner Frau einen Ring fertigen zu lassen, den an Stelle eines Steines das Pulver zieren soll. Und auch seinem Bruder Ivo schenkt er etwas von dem kostbaren Pulver, der es sorgfältig in einer Streichholzschachtel verstaut und neben sich ans Bett legt. Bald schon entdeckt seine sechsjährige Tochter Leide, wie toll man damit spielen kann. Anschließend isst sie ein Sandwich.
Und noch einer soll das Pulver in den Händen halten: Devairs zweiter Bruder Odesson, der Busfahrer ist. Allerdings kann er die Begeisterung dafür nicht ganz teilen, als er es auf seinen Handinnenflächen zerreibt. Später wird er mit seinem Kollegen die Schicht wechseln, der nach ihm das Lenkrad übernimmt. Dann ist auch er verstrahlt und möglicherweise jeder, dem er das Busticket reicht.

All jenen, die das Pulver in ihren Händen hielten, geht es derweil schlechter. Sie bekommen Hautauschlag, müssen sich übergeben, haben Kopfschmerzen – das Essen muss wohl schlecht gewesen sein oder ein neuer Virus greift um sich, folgern sie. Auch die Ärzte. Denn Radioaktivität ist in Goiana 1987, ein Jahr nach Tschernobyl, kaum jemandem ein Begriff. Nur Maria Gabriela wird skeptisch. In einer Tüte bringt sie das Pulver zur städtischen Gesundheitsfürsorge. Durch Zufall hört ein Physiker, der gerade in der brasilianischen Stadt Urlaub macht, von den Hautausschlägen und nimmt sich der Sache an. Der Geigerzähler, den er auf Verdacht besorgt hat, schlägt so weit aus, dass er denkt, das Gerät sei kaputt. Ist es aber nicht. Und das blaue Pulver verliert seinen Zauber: Cäsium. Wer es berührt und nicht daran stirbt, bekommt Verbrennungen, später vermutlich Krebs, genetische Defekte. Der Körper bildet keine roten Blutkörperchen mehr nach.

Auf einmal herrscht in Goiana Ausnahmezustand. Denn bloßer Kontakt reicht: Jede Sekunde können mehr Menschen verstrahlt werden. Hunde, Katzen und Vögel werden getötet, Häuser teilweise eingerissen. Und man fragt sich: Wohin mit den kontaminierten Möbeln, Töpfen, Kleidung, Autos? Kein Nachbarland will den 3.500 Kubikmeter radioaktiven Strahlenmüll haben. Vorläufig wird der Müll in das 23 km entfernte Abadia de Goias gebracht und in 30 Metern Tiefe verwahrt. Bis heute.
Auf dem Fußballfeld im Olympiastadion wird eine Notunterkunft eingerichtet. Davor stehen 112.000 Einwohner Schlange, die vor den Geigerzähler müssen. Wer verstrahlt ist, bleibt und wird mit Seife und Essig geschrubbt. Die anderen können gehen. Sie besitzen das Zertifikat „strahlenfrei“ und dürfen damit auch das Land verlassen.

Ganz im Gegenteil zu jenen, die direkt mit dem Cäsium in Berührung gekommen sind. Roberto, einer der beiden Diebe, liegt im Krankhaus. Keiner will ihn anfassen. Erst ein Strahlenspezialist, der eingeflogen wird, rettet ihn kurz vor dem Verdursten. Ihm wird der rechte Unterarm amputiert. Odesson verliert den rechten Zeigefinger. Leide hat eine Strahlendosis von 3000 Rem abbekommen, das Sechsfache der für Menschen tödlichen Dosis. Die Ärzte dürfen nur wenige Minuten bei ihr bleiben, weil sie so strahlt. Leide stirbt am 23. Oktober, sechs Stunden nach Maria Gabriela. Auch Ivor und Davir sterben später an den Folgen der Verstrahlung. Ihre Särge sind etwa 700 kg schwer, eine 30 cm dicke Betonwand und eine Bleischicht ummantelt sie. Mit einem Kran wurden sie in die Grube gesetzt, eine Betonschicht darüber gegossen. Bis jetzt ist kein Unkraut darüber gewachsen.

Informationen aus: Karen Naundorf: Alles ist erleuchtet, in: DUMMY – Atom, Nr. 24, Herbst 2009




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